Interview mit Samuel Wunsch und Gesa Kobs

Autor (Andreas Brüning):                                                                                           

Samuel Wunsch hat seinen Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen eingetauscht gegen das Rednerpult an der Uni. Als Bildungsreferent beziehungsweise Bildungsfachkraft und damit Experte in eigener Sache lässt er Studierende teilhaben an seinen Erfahrungen und gewährt wertvolle Einblicke in ein Leben mit Behinderungen. Seine Studierenden sind künftige Lehr- und Leitungskräfte aus verschiedenen Bereichen der Pädagogik, aber auch künftige Steuerfachangestellte oder Polizeibeamt*innen. Wie kam es zu diesem Schritt in ein neues Leben?

Samuel Wunsch:                                      

Das war so, dass ich jahrelang in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gearbeitet habe und die Arbeit mir anfangs Freude gemacht hat, aber mit der Zeit immer mono-, monotoner wurde. Und dann habe ich einen Aushang entdeckt, wo es eben halt um das Projekt Inklusive Bildung ging. Und dazu gab es dann noch oder erfolgte eine Informationsveranstaltung, die ich auch besucht habe, um mehr zu erfahren, weil meine Neugier doch sehr geweckt war. Und nach der Informationsveranstaltung stand eigentlich für mich persönlich schon fest, dass ich das unbedingt machen will (ähm) und habe mich dann halt beworben und hatte das Glück, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden und (ähm), ja, und dann bin ich halt ausgewählt worden, als einer von sechs Teilnehmenden, um drei Jahre in Vollzeit qualifiziert zu werden und eventuell, das stand damals noch nicht fest, danach direkt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu wechseln.

Autor (Andreas Brüning): Das Institut für Inklusive Bildung in Kiel ist eine gemeinnützige GmbH und selbständige Einrichtung, die der Universität Kiel angegliedert ist. In dem Modellprojekt werden Menschen mit Behinderungen zur Bildungsarbeit qualifiziert, aber nicht nur das, es werden auch entsprechende Arbeitsplätze auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt geschaffen. Samuel Wunsch hat den Schritt aus der eng strukturierten Behindertenwerkstatt mit Festanstellung und Rentenversicherung hinaus in die modulare Qualifizierungsmaßnahme zur Bildungsfachkraft gewagt, gemeinsam mit fünf Mitstreiter*innen. Gefordert wird er dabei nicht nur inhaltlich.

Samuel Wunsch:  

Zuerst einmal ging es los, dass wir uns als Team kennenlernen mussten und erst mal finden mussten.

Das war die eine Herausforderung. Dann die zweite, das war der Kreativitätszwang, weil, als ich angefangen habe, war Kreativität eigentlich nicht so mein, mein Fall. Also, ich war nie wirklich kreativ, und meine Kollegen und Kolleginnen waren da schon viel weiter als ich. Und ich habe mich dann eben halt, und hab mich sehr stark unter Druck gesetzt gefühlt und hatte das Gefühl, ich müsste, ich müsse mich mit den anderen messen.

Autor (Andreas Brüning): Aufgrund seiner Lernschwierigkeiten braucht Samuel Wunsch mehr Zeit als andere, um ein Verständnis für bestimmte Dinge und für Zusammenhänge zu entwickeln. Aber er hat gelernt, sich zu helfen.

Samuel Wunsch:

Also zuerst einmal war es ganz wichtig, dass ich mir meinen eigenen, dass ich mich eben halt mit meinen eigenen Behinderungen und Beeinträchtigungen auseinandergesetzt habe, so, dass ich mir halt auch meiner Behinderungen bewusst bin. Dann aber auch, dass ich mich -, dann aber auch, dass ich mich mit den Lebenswelten anderer Menschen mit Behinderung befasse. Und dass ich zum Beispiel so Eigenschaften wie eben halt Empathie, Einfühlungsvermögen oder eben halt auch ein gewisses Verständnis entwickele, wenn es um den Umgang mit Behinderung geht oder, oder im Umgang mit Druck oder eben auch, dass ich halt Kompetenzen entwickele, Schlüsselkompetenzen, also so was wie eine, so was wie Sozialkompetenz. Und genau das hat bei mir für 180 Grad-Wechsel eben halt gesorgt. Und so habe ich auch ein persönlich-, persönlichen, für mich ganz persönlichen Perspektivwechsel erlebt.

Autor (Andreas Brüning):

Samuel Wunsch empowert nun selber andere. In seinen Vorlesungen und Vorträgen vermittelt er den Studierenden die Lebenswelten, Bedarfe und Sichtweisen von Menschen mit Behinderungen und gibt Handlungsempfehlungen. Dabei kann er auf seine eigenen negativen Schulerfahrungen zurückgreifen. Umso wichtiger ist ihm jetzt, seinen Studierenden auf Augenhöhe zu begegnen.

Samuel Wunsch:

Und ich hätte mir zum Beispiel von meiner Lehrkraft gewünscht, dass sie mir, mir, dass sie mir mehr Zutrauen entgegenbringt und Vertrauen, dass sie sich mehr Zeit nimmt eben halt für mich und mit mir halt spricht und mich fragt: Was will ich denn?                                                                                    

Ein Tipp wäre jetzt zum Beispiel eben halt, dass die Lehrkraft eben halt Vertrauen haben soll, aber auch, (äh) dass sie dem Kind etwas zutraut, damit das Kind nicht nur mitkommt im Unterricht, sondern auch, dass dem Kind etwas zugetraut wird und dass das Kind die Möglichkeit erhält, (ähm) das unter Beweis zu stellen. Das wäre jetzt so ein Tipp. Oder eine Handlungsempfehlung?

Autor (Andreas Brüning):                                                                                           

Mit der neuen Aufgabe hat Samuel Wunsch seine Berufung gefunden. Auch kann er jetzt Dinge machen, die er vorher nicht machen konnte. Er muss Bildungsveranstaltungen vorbereiten und durchführen und sich letztendlich selbst organisieren. Eine Menge hat sich für ihn verändert, innerlich wie äußerlich.

Samuel Wunsch:

Ich bin jetzt zum Beispiel nicht mehr auf staatliche Hilfe angewiesen, sondern kann eben halt endlich meinen eigenen Lebensunterhalt bestreiten und kann von dem, was ich arbeite, auch selber leben. Ich habe zum Beispiel jahrelang in einer Sozialbauwohnung gelebt, was nicht so toll war. Und seit 2018 lebe ich in meiner eigenen Wohnung.

Autor (Andreas Brüning):

Zu den Dingen, die Samuel Wunsch plötzlich offenstehen, gehört auch das Reisen. Aber Reisen sind für ihn kein Selbstzweck. Er genießt dabei vor allem die Möglichkeiten zu Begegnung und Austausch.

Samuel Wunsch:

Also für mich persönlich waren jetzt nicht keine privaten Reisen oder so wirklich schön, sondern was, was ich sehr schön fand und immer noch sehr, sehr schön finde, sind Dienstreisen. Also, wenn ich die Möglichkeit habe, nicht nur meine Arbeit anderswo vorzustellen, sondern halt, sondern halt auch gleichzeitig alle Menschen mit oder für eine Stimme zu sein, für andere Menschen mit Behinderungen oder für Menschen mit Behinderung etwas verändern zu können oder wenn nicht halt auch dann für Schleswig-Holstein stehe, also zusammen mit meinen Kollegen und Kolleginnen und wir in Schleswig-Holstein in anderen Gebieten oder in anderen Ländern repräsentieren dürfen. Beispielsweise war ich 2018/2019 auf einer Dienstreise gemeinsam mit Frau Kobs in Spanien, auf einer internationalen Konferenz in Madrid, wo ich über meine Arbeit sprechen durfte und das Institut für Inklusive Bildung vorstellen durfte. Oder 2020, ungefähr ein, zwei Monate vor Corona, war ich in Wien und durfte dort einen Kurzvortrag im österreichischen Parlament halten. Das war, das stand natürlich noch in Verbindung mit einer anderen, mit einer anderen internationalen Konferenz, die am Tag darauf losging. Aber das war schon etwas, so was erlebt man nicht alle Tage. Das war wirklich, das war wirklich schon ein sehr, sehr besonderer Moment. Die letzte Reise, die letzte Dienstreise hatte ich jetzt erst vor kurzem gehabt. Vor ungefähr zwei Monaten war ich mit zwei, drei Kolleginnen eben halt in Portugal, wo ich eben halt auch über meine Arbeit sprechen durfte und das Institut für Inklusive Bildung genauer vorstellen durfte, und auch das war wirklich richtig, richtig schön und hat mir persönlich auch sehr, sehr gut getan. Also, ja, ich komm rum und lerne verschiedene Menschen nicht nur mit, sondern auch ohne Behinderung kennen, aus unterschiedlichen Kulturen, unterschiedlichen Ländern, und das macht etwas – nicht nur mit einem selbst, sondern auch mit anderen. Und das ist einfach unbezahlbar.

Autor (Andreas Brüning):

Auf seinen Reisen wird Samuel Wunsch öfter von Gesa Kobs begleitet. Sie ist seit 2019 die Geschäftsführerin des Instituts für Inklusive Bildung und hat das Modellprojekt mit initiiert. Das Konzept eines personenzentrierten und kompetenzenorientierten Empowerments ist aufgegangen, meint Gesa Kobs.

Gesa Kobs:

Menschen aus der Werkstatt können an diese, ich sag mal, andere Welt Universität wechseln und auf den ersten Arbeitsmarkt kommen. Das an sich ist ja schon unglaublich. Jetzt sind wir gefragt, dieses tolle Modellprojekt noch weiter zu etablieren, also weiter zu verbreiten in Deutschland. Und das hat geklappt. In Heidelberg sind mittlerweile auch sechs Menschen mit sogenannten geistigen Behinderungen als Bildungsfachkräfte direkt an der Hochschule angestellt und werden da die Lehre bespielen, da die Lehre weiter in Baden-Württemberg … Wir haben in anderen Bundesländern Standorte, und ich denke, das ist unsere Rolle. Also wir haben die Erfahrung gemacht, wie erfolgreich Bildungsfachkräfte qualifiziert werden können.

Autor (Andreas Brüning):

„Unsere Währung ist Wirkung“, bringt es Gesa Kobs auf den Punkt und erläutert die „systemische Wirkung“, die Menschen wie Samuel Wunsch erzeugten. Er und seine Kolleg*innen würden die Arbeit der theoriegeleiteten Hochschullehrer*innen durch praxisnahe Lehre ergänzen.

Gesa Kobs:

Wenn man mal überlegt, Samuel Wunsch und seine Kollegen erreichen jährlich bis zu 5000 Studierende direkt. Und wenn man dann sich überlegt, wenn dann nur eine Person dabei ist, die Lehramt studiert und die hat durch, durch die Erfahrung und den Bildungsfachkräften, hat die ihre Berührungsängste abgebaut, die Barrieren in den Köpfen abgebaut und hat ne andere Haltung zur Inklusion, und wenn die dann in ihren Beruf einsteigt und Lehrerin/Lehrer wird – was das für eine Wirkung haben kann auf die kommenden Generationen, das ist doch unglaublich. Und das ist, das bringt uns, das ist die Leidenschaft, die wir in diesem Job haben.

Autor (Andreas Brüning):

Bildungsfachkräfte wie Samuel Wunsch überzeugen durch ihr eigenes Beispiel: Aus der geschützten Behindertenwerkstatt in die externe Qualifizierung. Aber wie sieht dann der zweite Schritt aus: Von der Qualifizierung nicht direkt in die Arbeitslosigkeit, sondern in den ersten Arbeitsmarkt? Schließlich wünschen sich das die allermeisten Menschen mit Behinderung.

Gesa Kobs:

Ich glaube, der Erfolg, den wir haben, der generiert sich daraus, dass wir schon während der Qualifizierung, also während einer Projektphase an den Arbeitsplätzen arbeiten, und das heißt, wir vernetzen die wichtigen Akteur*innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Politik, Selbstvertretung und erzählen denen, was wir vorhaben und lassen die an den Entwicklungsschritten während der Qualifizierung teilhaben, und wir veranstalten Vernetzungsforen, wo wir genau die wichtigen Gatekeeper, also die Entscheider*innen an einen Tisch bringen und sagen, was wir vorhaben, dass wir jetzt gerade sechs Menschen qualifizieren, damit die dann Hochschullehre landesweit ausführen und machen und in die Lehre gehen.

Autor (Andreas Brüning):

Das Modellprojekt in Kiel und später die Gründung des Instituts für inklusive Bildung haben für mediales Aufsehen gesorgt. Aus den Hochschulen, den Selbstvertretungs-Verbänden und der Politik wurde Interesse angemeldet, bestätigt Gesa Kobs. „Das wollen wir auch haben“, hieß es, und „Könnt ihr uns dabei helfen?“ So sei die Idee entstanden, das innovative Konzept deutschlandweit zu übertragen. Aber alle innovativen Ideen sind nichts ohne jene Menschen, die diese Ideen im beruflichen Alltag persönlich umsetzen: Menschen wie Samuel Wunsch. Er steht nach eigener Aussage dafür, …

Samuel Wunsch:

dass wir als Bildungsfachkräfte unsere eigene Expertise vertreten. Das heißt, wir sind Experten in eigener Sache, denn das, was ich weiß, und das, was ich kann, das weiß nur ich und das kann nur ich und sonst niemand auf der Welt, weil: weil – ich – einzig-artig bin!

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