Interview mit Dr. Annette Standop

Der Podcast als Text

Autor (Andreas Brüning): (Einführung)

„Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ – so das Motto von Dr. Annette Standop. Sie ist Coach für berufliche Veränderungsprozesse. Dies ist ein Podcast des iXNet-Projekts. Heute geht es um Bewerbungscoaching. In ihrer Praxis bietet Dr. Annette Standop Psychotherapie, Coaching und Bewerbungstraining an.1968 in Salzburg geboren und in Österreich aufgewachsen, studierte sie in Regensburg und lebt seit 1997 in Bonn. So bezeichnet sie sich gelegentlich als „deutschsprachige Kosmopolitin“. Nach dem Studium hatte sie im kirchlichen Dienst gearbeitet, war dann in die freie Wirtschaft gewechselt und schließlich in die öffentliche Verwaltung. Dann machte sie den Schritt in die berufliche Selbständigkeit: als Coach für berufliche Veränderungsprozesse. Nebenbei engagiert sie sich in der kommunalen Behindertenpolitik und kann auch dort eigene Erfahrungen einbringen. Dr. Annette Standop sitzt im Rollstuhl.

Welchen Stellenwert hat eine Behinderung für eine Akademikerin auf Stellensuche, frage ich sie?

Annette Standop: (zu: Behinderung als Chance)

Ich gehe eigentlich so in meiner eigenen Arbeit mit Leuten, die von mir beraten werden, immer so vor, dass ich denen versuche zu vermitteln, dass die Behinderung nicht zwingend eine Beeinflussung oder eine Beeinträchtigung ist, sondern teilweise auch ein Gewinn. Ich kann aufgrund meiner Behinderung manche Dinge möglicherweise besser als andere. Ich brauch dazu natürlich bestimmte Voraussetzungen: von mir aus einen barrierefreien Arbeitsplatz, Zugang zu meinem Arbeitsplatz, vielleicht Arbeitsassistentin, Unterstützung der Kollegenschaft. Aber ich kann meine Dinge genauso gut oder in manchen Fällen vielleicht sogar besser hinkriegen als Leute ohne Behinderung. Es steht und fällt immer damit, wie ich selber zu mir stehe und wie ich in der Lage bin, mich selber auch nach außen zu vermitteln. Das ist, glaube ich, das entscheidend Wichtige.

Annette Standop: (zu: spezielle Beratungsbedarfe von Behinderten)

Ich glaube, man braucht gar nicht so viel anderes, weil im Endeffekt: Das Bild ist immer das Gleiche: Ich bin ein junger Mensch, ich habe eine Ausbildung gemacht, ich habe bestimmte Voraussetzungen, die ich mitbringe und die ich auf dem Arbeitsmarkt – unter Anführungszeichen – verkaufen muss. Der eine Mensch ist vielleicht im Rollstuhl, der andere Mensch ist vielleicht rechtschreibgeschwächt, was man hier nicht als Behinderung bezeichnet, was aber auch eine berufliche Einschränkung sein kann. Der dritte hat vielleicht eine andere Muttersprache und ist deshalb ein bisschen unsicher. So hat jeder Mensch Stärken, aber auch bestimmte sehr individuelle Einschränkungen, die er mitbringt, das ist das Eine. Bei Menschen mit Behinderungen gibt es ja einfach auch die Tatsache, dass es sehr viele Fremdbilder gibt. Man erwartet von behinderten Menschen, dass sie so oder so sind. Wenn jemand kommt, der noch dazu eine sichtbare Behinderung hat – einen Rollstuhl oder einen Führstock oder, keine Ahnung, das, was man sofort sieht von außen –, dann werden bei den Leuten so Erwartungen geweckt wie „Kann weniger leisten“ oder „Der ist öfter krank“. Das sind so Stereotypen, die man einfach auch vorfindet. Da können wir nichts dran ändern. Die sind so verankert in unserer Gesellschaft. Und die müssen wir aufbrechen, indem wir deutlich machen, was wir wirklich gut können. Das ist etwas sehr Individuelles. Deswegen bin ich eigentlich auch nicht so jemand, der sagt: Ich berate jetzt Akademiker mit Behinderung nicht in Blick auf ihre Behinderung, sondern Akademiker mit Behinderung in Blick auf ihre Stärken und Fähigkeiten. Das würde ich aber bei jedem anderen Menschen auch machen. Das ist nur eine andere Färbung oder nur ein anderes Thema zusätzlich zu anderen.

Autor (Andreas Brüning):

Der oder die potenzielle Arbeitgeber*in und die Bewerberin mit Behinderung. Wie kann eine Bewerberin mit diesen Stereotypen umgehen? Wie kommt sie zu einer guten Selbsteinschätzung?

Annette Standop: (zu: Wie den geeigneten Arbeitsplatz finden?)

Ich denke, überall da, wo ich merke, dass ich wirklich an Grenzen komme, die meine Behinderungen mir setzen, muss ich auch verhandeln mit mir selber, aber auch mit meinem Arbeitgeber, der sich vielleicht für mich interessiert, inwieweit vielleicht das Stellenprofil angepasst werden kann auf mich. Ich würde ganz dringend davon abraten, dass jemand sich bewirbt auf eine Stelle, von der er selber am Anfang schon weiß, dass er sie eigentlich aus Gründen der Behinderung nicht ausfüllen kann. Damit schadet man nicht nur sich selber, weil man sich natürlich auch damit aus dem Rennen schießt, dass man diese Stelle nicht lange behalten kann, sondern man schadet auch anderen Menschen mit Behinderungen, die vielleicht durchaus in der Lage wären, die bestimmte Stelle auszufüllen, aber dann natürlich auf verbrannte Erde stoßen und bei dem Arbeitgeber keine Chance mehr bekommen, weil der einfach schon mal schlechte Erfahrungen gemacht hat mit Menschen mit Behinderungen. Ich sag immer: Ich sage immer: Das Wichtigste ist, dass man immer ganz offen auftritt und dass man auch dem Arbeitgeber auf Augenhöhe entgegengeht, insofern, als dass man ihm klar sagt, was möglich ist, was nicht möglich ist, aber was man auch meint beitragen zu können zu der Stelle, um die es gerade geht.

Autor (Andreas Brüning):

Offen auftreten, auf andere zugehen können – das wären auch Voraussetzungen, um sich ein Netzwerk aufzubauen. Welche Bedeutung haben Netzwerke, solche im positiven Sinn von Zusammenarbeit und Solidarität?

Annette Standop: (Aktives Netzwerken)

Netzwerke sind, glaube ich, dass Aller-allerentscheidendste, das Wichtigste, dass man mit Leuten in Kontakt ist, die einem wirklich auch beruflich ein bisschen weiterhelfen können. Es gibt ja, zum Beispiel, jetzt auch im iXNET Mentoringprogramme, Ausbildungsprogramme, Schulungsprogramme, wo ja ganz bewusst versucht wird, Menschen im Studium mit Anderen, die schon weiter sind, die schon Akademiker sind, in der Wirtschaft auch Erfahrung haben, in Kontakt zu bringen und da natürlich auch Netzwerke zu bilden, die später wichtig sind für mich. Früher hat man das so ein bisschen als Klüngel bezeichnet – ich bin ja hier in Bonn, und der Kölner Klüngel ist ja hier nicht allzu weit weg –, aber die positive Seite ist wirklich, dass man nicht alles alleine machen muss und dass es andere Menschen gibt, die einem auch aufgrund ihrer größeren Erfahrung nochmal mit Rat und Tat zur Seite stehen können und vielleicht bei der einen oder anderen Stellensuche auch mal durch Empfehlungen behilflich sein können. Ich empfinde das als ganz, ganz wichtig und auch als gar nicht schmutzig oder in irgendeiner Weise verwerflich, sondern nur als ganz gute Nachwuchsförderung, auch von Seiten der Leute, die im Netzwerk als Senioren oder als Erfahrenere auftreten. Die gewinnen da ja auch was davon. Die kriegen mit, was da auf dem Markt für Akademiker los ist, wie die Leute überhaupt ticken, was die brauchen, was die auch mitbringen an Vorstellungen und Anforderungen, und ich finde das ganz hervorragend, dass es mehr Möglichkeiten solcher Plattformen gibt.

Autor (Andreas Brüning):

Was steckt hinter dem Motto „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“ ihrer Praxis für berufliches Coaching und Psychotherapie?

Annette Standop: (zu: ihre beiden Lebens-Motti)

Das ist mein eigenes Lebens-Motto: „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Wenn man mal auf meinen beruflichen Werdegang guckt, dann weiß man, warum das so ist. Ich habe wirklich, wirklich viel ausprobiert und auch Vieles sein gelassen, weil ich gemerkt hab, dass ich da nicht weiterkomme. Ich kam ja erst mal aus dem kirchlichen Raum und Theologie und Seelsorge waren meine Betätigungsfelder. Ich habe dann gemerkt, dass ich da nicht weiterkomme, weil ich damit nicht hinkommen kann, wo ich hin will, da ich ja als Frau auch nicht unbedingt alle Möglichkeiten habe in der katholischen Kirche. Das war sicherlich ein wichtiger beruflicher Umweg, der mir aber sehr viel beigebracht hat. Bin dann in die Versicherung gegangen, im öffentlichen Dienst, und dann in die Selbständigkeit, bis ich dann wirklich jetzt an dem Punkt bin, wo ich sage: „Ja, genau, das ist es.“ Und ich glaube, diese vielen, vielen Sackgassen und Umwege, die ich dann auch nehmen musste, waren für mich die Voraussetzungen dafür, dass ich eben genau da gelandet bin, wo ich wirklich gut hinpasse. Ich glaube, man hat mir oft gesagt: „Mein Gott, du hast einen unbefristeten Arbeitsvertrag, dann bleib halt dabei, dann bist du versorgt und alles ist gut“ – aber das ist einfach nicht meine Mentalität. Ich wollte wirklich den Punkt erreichen, wo ich sagen kann, da kann ich das Bestmögliche tun, was in mir steckt und was anderen Menschen nutzt. Und das war mir sehr wichtig. Mein altes Motto, das würden Sie wahrscheinlich eh auf Facebook finden, ist ein Zitat von Aristoteles, das mir auch sehr wichtig ist: „Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Und das betrifft wirklich auch mein Dasein als Frau mit Behinderung. Ich kann nichts daran ändern, dass ich im Rollstuhl bin, aber es liegt an mir, in welche Richtung ich gehe und wie ich mich auf das ausrichte, was ich machen will. Und in der Kombination finde ich die beiden Slogans oder Motti eigentlich auch sehr passend.

Autor (Andreas Brüning):

Was wünschen Sie als Bewerbungstrainerin und Psychotherapeutin Ihren Klientinnen und Klienten? Was ist Ihr Ziel?

Annette Standop: (zu: Bedeutung von Selbstwahrnehmung)

Das entscheidend Wichtige ist, dass Menschen mit Behinderungen sich auf Arbeitssuche machen, sag ich jetzt mal zusammenfassend, dass die ein gutes Verhältnis zu sich selber haben, und dass sie selber mit ihrer Behinderung sehr selbstbewusst und vertraut umgehen. Es ist nix schlimmer als wenn jemand versucht eine stelle zu kriegen, der sich selber als absolut defizitär und als schwach und als minderwertig und was auch immer, versteht. So hat man ja auch eine Ausstrahlung, die das auch nach außen vermittelt. Und da muss man auch sagen: Es sind sehr viele Leute, die auch an sich selber viel arbeiten und sich Unterstützung holen. Ich bin deshalb, und das sag ich auch ganz offen, sehr froh, dass ich sowohl Coach, als auch Therapeutin bin, weil ich natürlich Menschen auch dabei unterstützen kann, so ein positives Selbstgefühl zu entwickeln und sich auch mehr mit ihrer Behinderung anfreunden. Das ist so wichtig. Und dann klappts auch mit dem Arbeitgeber.

Autor (Andreas Brüning):

Und was nehmen Sie aus Ihrer Arbeit für sich selbst mit?

Annette Standop: (zu: Veränderung als Chance)

Ich habe meinen Praxisnamen auch sehr bewusst gewählt: „Praxis für Veränderungsprozesse“. Es geht wirklich ganz oft um Veränderung, ganz egal, ob ich jetzt ein Mensch bin oder ob ich eine Organisation oder ein Unternehmen bin, es ist immer notwendig, mich anzupassen auf neue Situationen und mich einfach weiterzuentwickeln. Sonst gehe ich unter. Und das ist was, was erstens Angst macht, was zweitens auch ein bisschen gefährlich ist – Veränderung ist ja immer auch was Gefährliches –, aber was einen unendlich weiterbringt, wenn man vertraut. Und ich glaube, dieses Vertrauen in die eigenen Möglichkeiten zu wecken, das ist so das, was mich am meisten reizt an meiner Arbeit.

Autor (Andreas Brüning):

Das war die Bewerbungscoachin Dr. Annette Standop im Gespräch mit Andreas Brüning, für iXNet, Ende Juni 2020.

Sie erreichen Dr. Annette Standop unter der E-Mail-Adresse: kontakt@standop.de.


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